Zwölfte Tafel

[Die zwölfte Tafel ist vermutlich ein Anhang.
Hier lebt Enkidu noch,
obwohl bereits am Ende der siebten Tafel sein Tod berichtet wird]

[Zu Beginn spricht Gilgamesch:]

»Hätte ich doch heute die Trommel im Hause des Zimmermanns gelassen!
Die Gattin des Zimmermanns hätte meiner leiblichen Mutter gleich. . . ,
Die Tochter des Zimmermanns hätte wie meine jüngere Schwester.
Heute ist die Trommel mir in die Erde gefallen.
Die Trommelstöcke sind mir in die Erde gefallen.
Enkidu antwortete dem Gilgamesch:
»Mein Herr, warum weinst du, warum ist dein Herz so traurig?
Die Trommel aus der Erde werde ich holen,
Die Trommelstocke aus der Unterwelt werde ich holen!«
Gilgamesch antwortet dem Enkidu:
»Wenn du in die Unterwelt hinabsteigen willst,
Dann mußt du meinen Rat dir gut zu Herzen nehmen:
Ein reines Gewand darfst du nicht anziehen;
Sonst erkennen sie, daß du (dort) ein Fremder bist!
Darfst dich mit gutem Öl aus der Büchse nicht salben —
Sonst scharen sie sich zu dir, sobald sie es riechen!
Du darfst das Wurfholz nicht auf die Erde werfen,
Sonst umringen sie dich, die vom Wurfholz erschlagen;
Darfst in die Hand einen Stock nicht nehmen,
Sonst erzittern vor dir die Geister.
Schuhe darfst du nicht tun an die Füße,
Lärm in der Unterwelt darfst du nicht machen;
Dein Weib, das du liebtest, darfst du nicht küssen,
Dein Weib, dem du gram warst, darfst du nicht schlagen,
Dein Kind, das du liebtest, darfst du nicht küssen;
Dein Kind, dem du gram warst, darfst du nicht schlagen:
Sonst wird dich der Aufschrei der Erde packen!
Ihr, die da ruht, die da ruht, der Mutter des Nin-Asu, die da ruht,
Ihre reinen Schultern sind mit keinem Kleid bedeckt,

Ihre Brust ist wie eine Schale angetan, entblößt!«
Den Rat seines Herrn nahm sich Enkidu nicht zu Herzen.
Er zog sich ein reines Gewand an
Daß er dort ein Fremder war, stellten sie fest.
Mit gutem Öl aus der Büchse salbte er sich —
Sie scharten sich zu ihm, sobald sie es rochen!
Das Wurfholz warf er auf die Erde
Da umringten sie ihn, die vom Wurfholz erschlagen!
Er nahm einen Stock in seine Hand
Da erzitterten die Geister vor ihm!
Schuhe tat er an seine Füße,
Lärm in der Unterwelt machte er;
Sein Weib, das er liebte, küßte er,
Sein Weib, dem er gram war, schlug er;
Sein Kind, das er liebte, küßte er,
Sein Kind, dem er gram war, schlug er!
Da packte ihn der Aufschrei der Erde:
Sie, die da ruht, die da ruht, die Mutter des Nin-Asu, die da ruht,
Ihr bedeckt die reinen Schultern kein Kleid,
Ihre Brust ist wie eine Schale unbekleidet.
Damals kehrte Enkidu aus der Erde nicht nach oben zurück.
»Nicht packte ihn Namtar, nicht packt‘ ihn Aßakku ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Nergals unerbittlicher Lauerer ihn packte die Erde!
Nicht fiel er auf der Walstatt der Männer — ihn packte die Erde!«
Damals ging von dannen Rimat-Ninßuns Sohn und weinte über seinen Knecht Enkidu.
Zu Ekur, Enlils Tempel, ging er alleine hin:

«Vater Enlil, heute ist mir die Trommel in die Erde gefallen,
Mein Trommelstock ist mir in die Erde gefallen!
Enkidu, der sie mir heraufzuholen hinabfuhr, ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Namtar, nicht packt‘ ihn Aßakku — ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Nergals unerbittlicher Lauerer ihn packte die Erde!
Nicht fiel er auf der Walstatt der Männer ihn packte die Erde!«
Vater Enlil erwiderte ihm kein Wort.
Zu Sins Tempel ging er alleine hin:

»Vater Sin, heute ist mir die Trommel in die Erde gefallen,
Mein Trommelstock ist mir in die Erde gefallen!
Enkidu, der sie mir heraufzuholen hinabfuhr, ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Namtar, nicht packt‘ ihn Aßakku ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Nergals unerbittlicher Lauerer — ihn packte die Erde!
Nicht fiel er auf der Walstatt der Männer ihn packte die Erde!«
Vater Sin erwiderte ihm kein Wort.
Zum Tempel Eas ging er alleine hin:

»Vater Ea, heute ist mir die Trommel in die Erde gefallen,
Mein Trommelstock ist mir in die Erde gefallen!
Enkidu, der sie mir heraufzuholen hinabführ, ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Namtar, nicht packt‘ ihn Aßakku ihn packte die Erde!
Nicht packte ihn Nergals unerbittlicher Lauerer ihn packte die Erde!
Nicht fiel er auf der Walstatt der Männer ihn packte die Erde!«
Kaum daß Vater Ea dieses vernommen,
Da sprach er zu Nergal, dem mannhaften Helden:

»Nergal, mannhafter Held, hör mich an:
Möchtest du doch ein Loch der Erde auftun,
Damit Enkidus Totengeist der Erde entfahren kann,
Daß er künde seinem Bruder die Ordnung der Erde!«

Nergal, der mannhafte Held, gehorchte
Und hatte kaum ein Loch der Erde aufgetan,
Als Enkidus Totengeist schon wie ein Wind aus der Erde entfuhr!
Da umarmten sie einander, setzten sich zusammen.
Zu ratschlagen hatten sie, quälten sich dabei:

»Sage mir, mein Freund, sage mir, mein Freund,
Sage mir die Ordnung der Erde, die du schautest!«

»Ich sag sie dir nicht, mein Freund, ich sag sie dir nicht!
Sag ich dir die Ordnung der Erde, die ich schaute
Du müßtest dich setzen und weinen!«

»So will ich mich setzen und weinen!« —
»Freund, meinen Leib, den du frohen Herzens berührtest,
Frißt Ungeziefer, wie ein altes Gewand!
Mein Leib,
den du frohen Herzens berührtest,
Ist wie eine Erdspalte voll von Erdstaub.«

Da sprach Gilgamesch »wehe«, kauernd im Staube,
Da sprach Gilgamesch zu Enkidu, kauernd im Staube:
»Den, der einen Sohn zeugte, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
In meiner Wand ist ein Nagel, darob weint er bitterlich.«

»Den, der zwei Söhne zeugte, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
Auf zwei Ziegeln sitzt er und ißt das Brot.«

»Den, der drei Söhne zeugte, sahst du ihn?« — »Ja, ich sah:
Aus einem Schlauch . .. trinkt er das Wasser.«

»Den, der vier Söhne zeugte, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
Gleich einem, der vier Esel anspannen kann, ist sein Herz freudig.«

»Den, der fünf Söhne zeugte, sahst du ihn?« — »Ja, ich sah:
Gleich einem guten Schreiber ist er arbeitsbereit,
Wie es recht ist, tritt er in den Palast ein.«

»Den, der sechs Söhne zeugte, sahst du ihn?« «Ja, ich sah:
Einem Landmann gleich ist sein Herz freudig.«

»Den, der sieben Söhne zeugte, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
Als ein jüngerer Bruder der Götter sitzt er auf dem Stuhl und lauscht den Glückwünschen.«

»Den, der keinen Erben hatte, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
Gleich einem … ißt er das Brot;
Wie ein schönes Gottesemblem
Einem unerfahrenen Arbeitsaufseher gleich verkriecht er sich in den Winkel!«

»Die Frau, die nie gebar, sahst du sie?« »Ja, ich sah:
Einem . . . -Gefäß gleich ist sie gewaltsam zu Boden geworfen, kann keinen Mann erfreuen.«

»Den jungen Mann, der noch keiner Frau Blöße aufdeckte, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
Ein Türriegel-Zugseil reichst du ihm, er aber weint sehr über dieses Seil!«

»Die junge Frau, die noch keinem Mann die Blöße aufdeckte, sahst du sie?« »Ja, ich sah:
Eine Matte reichst du ihr, aber sie weint sehr über die Matte!«

[16-20 Verse fehlen]

»Der durch einen Schiffspfahl erschlagen wurde, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
Kaum, daß er nach seiner Mutter rief, durch Herausziehen des Pflocks … «

»Der einen sehr frühen Tod starb, sahst du ihn?« »Ja, ich sah:
An nächtlicher Schlafstatt ruht er, reines Wasser trinkend.«

»Der getötet ist in der Schlacht, sahst du den?« «Ja, ich sah:
Sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt,
Sein Weib weint über ihn. «

»Dessen Leichnam man in die Steppe warf, sahst du
den?« »Ja, ich sah:
Sein Geist ist ruhelos auf der Erde. « —

»Dessen Geist keinen Pfleger hat, sahst du den?«— »Ja, ich sah:
Ausgewischtes aus dem Topf, auf die Straße geworfene Bissen muß er essen.«

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